1. Kapitel
»An einem sonnigen Tag im November wurde mein Leben in zwei Hälften zerrisssen. In das Leben mit Ben und den Rest meines Daseins ohne ihn.«
aus Tonis Tagebuch
Das gleichmäßige Knirschen der Steine auf dem Weg von der Kapelle zum Grab lässt mich in eine bleierne Müdigkeit sinken. Rechts neben mir laufen meine Freundinnen Nina und Rosa, links folgen Bens Eltern der Urne mit seiner Asche. Die unnatürliche Stille wird ab und zu durch ein Schniefen unterbrochen. Die Blätter, die in den letzten Tagen beinahe restlos von den Bäumen gefallen sind, wirbeln umher. Der Wind zerzaust meine Haare und macht es unmöglich, vor dem Nieselregen Schutz unter einem Schirm zu finden. Soeben endete der Gottesdienst. Glockengeläut begleitet uns auf dem Weg zu Bens zukünftiger Ruhestätte.
Die Kapelle war bis auf den letzten Platz gefüllt, denn nicht nur unsere Familien sind anwesend. Einige alte Weggefährten, die ich nur oberflächlich kenne, nehmen heute von dem Mann Abschied, den ich liebe. Meine Gedanken fahren Karussell. Ein Rauschen erfüllt meine Ohren. Es ist, als würden tausende Stimmen gleichzeitig auf mich einreden. Mühsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich erwarte, dass Ben jeden Moment neben mir auftaucht, kann den Anblick der Urne nicht mit meinem Verlobten zusammenbringen. Vor Kurzem haben wir rumgealbert und jetzt ist er für immer fort?
Am Morgen war ich schon mit Übelkeit aufgewacht. Beim Gedanken daran, dass ich endgültig Abschied von Ben nehmen werde, spurtete ich aus dem Bett und übergab mich. Zusammengerollt auf der Badematte weinte ich hemmungslos und fragte mich, wie ich diesen Tag überstehen soll.
Jetzt bin ich hier und kann dieser Situation nicht entfliehen.
Der Urnenträger lässt Bens Urne in das offene Erdloch hinab. »Aus Erde bist du genommen, zu Erde …« die Stimme des Pfarrers hallt über den Friedhof.
Ich höre nicht zu, sonst würde ich vor allen Anwesenden zusammenbrechen. Meine Beine zittern ohnehin schon und mir ist flau. Mein Blick schweift über den Friedhof, auf der Suche nach etwas, auf das ich meine Aufmerksamkeit lenken kann, um von meinen Gefühlen nicht übermannt zu werden.
Mein Blick fällt auf einen Mann, der auf seinen Rollator gestützt an einem Grab steht. Seine Lippen bewegen sich, dann sieht er mir direkt in die Augen. Seine Miene ist leer. Schließlich wendet er mit einem Ruck seine Gehhilfe und verlässt den Friedhof. Ob er, wie ich, seine große Liebe verloren hat?
Ich werde zurückkatapultiert zu dem Moment, in dem Ben von mir gegangen ist. Er liegt im Krankenbett, sein Gesicht ist so weiß wie das Kissen, auf dem sein Kopf gebettet ist. Schwer atmend drehte er seinen Kopf in meine Richtung, öffnete die Augen und drückte leicht meine Hand. Der warme Ausdruck in seinen Augen vermittelte mir die Liebe, die er für mich empfunden hatte, bevor sein Blick endgültig brach und mich in einem Gefühlschaos ungeahnten Ausmaßes zurückließ. Dieser Moment ist für mich noch immer so absurd, als hätte ihn jemand anderes erlebt.
Ein Windstoß lässt einen Ast direkt vor uns auf die Erde fallen und reißt mich aus meinen Gedanken.
Der Pfarrer beendet die Beisetzung mit einem Gebet, nachdem er etwas Erde in das Loch mit der Urne geworfen hat. Eine Bewegung vor mir reißt mich erneut aus meinen Gedanken. Ein aufgeregtes Flattern direkt neben Bens Ruhestätte lenkt mich ab. Ein Vogel mit einem bunten Gefieder hüpft herum und wirkt in seiner Lebensfreude deplatziert. Er zwitschert aufgeregt und stört sich nicht an unserer Gegenwart. Die rote Zeichnung im Gesicht und das gelbe Band am Flügel sind das Auffälligste an ihm. Ben liebte die Natur. Mit Sicherheit hätte er mir sagen können, wie dieser Vogel heißt und welche Kennzeichen und Eigenarten er hat. Er hätte mir voller Begeisterung erzählt, wo er sich wohlfühlt und was er frisst. Mich überforderte die Fülle der Informationen immer, die er abrufen konnte. Jetzt wünschte ich, er würde neben mir stehen und sein Wissen mit mir teilen.
Ich beobachte das Tier und vergesse erneut für einen Moment alles um mich herum. Ich spüre ein Kitzeln an meiner Wange. Als ich darüber streiche, rinnt eine Träne meinen Finger entlang.
Ein Stupser von Nina erinnert mich daran, dass irgendwas von mir erwartet wird, doch mein Kopf ist vollkommen leer.
»Die Blumen«, flüstert sie. »Ich begleite dich«, wispert sie weiter.
Was für einen Anblick biete ich, wenn sie mich die paar Schritte nicht allein gehen lässt?
In Händen halte ich die weiße Rose, die ich Ben aufs Grab werfen soll. Wozu das gut ist, verstehe ich nicht. Er ist fort. Eine Blume ändert daran nichts.
Ein Arm umschlingt um meine Taille. Nina legt ihren Kopf an meinen, fast, als würde sie meinen Schmerz auf sich übertragen wollen. Sanft leitet sie mich, bis wir unmittelbar vor dem Grab stehen.
»Nimm dir so viel Zeit, wie du brauchst.« Tränen ersticken ihre Stimme.
Bens Lächeln fehlt mir. Es war ehrlich und reichte bis zu seinen Augen. Seine Lebensfreude war ansteckend. Wie gerne würde ich jetzt meine Finger in seinen braunen Lockenkopf vergraben und meine Stirn an seine legen. Er würde kurz meine Hand drücken und mir beruhigend zulächeln. Ich kenne niemanden, der das Leben so leicht nimmt und auf missliche Lagen stets mit Humor reagiert. Mein Herz krampft sich zusammen, als würde eine höhere Macht es, von den anderen unbemerkt, zerquetschen. Wie soll ich ohne ihn existieren? Ben und ich kannten uns schon unser Leben lang. Seit seinem Tod fiel mir jede noch so kleine Handlung schwer. Ich sehe keinen Sinn darin, meinen Alltag ohne ihn zu bestreiten. Wenn er nicht bei mir ist, fühle ich mich wertlos. Mein Körper ist bleischwer. Die Müdigkeit, verursacht durch nächtliche Albträume, reißt mich von Tag zu Tag tiefer in den Abgrund. Ich quetsche das Taschentuch, das nur noch ein durchnässter Brocken in meiner Hand ist.
Mit einem tiefen Atemzug öffne ich die Hand und lasse die Rose auf die Urne fallen. Die weißen Blüten heben sich überdeutlich von der braunen Erde ab. Könnte ich Ben nur bald wiedersehen. Stattdessen muss ich mich für immer von ihm verabschieden. Das aus der Tiefe meines Körper kommende Schluchzen kann ich nicht unterdrücken. Wie soll ich ohne ihn weiterleben?
Schließlich schiebt Nina mich sanft zum Rand des Urnenfeldes, an dem Rosa bereits auf uns wartet.
Meine und Bens Eltern folgen uns. Sie stellen sich neben uns. Ich hatte darum gebeten, dass niemand sein Beileid am Grab ausspricht. Diesen leeren Phrasen konnte ich noch nie etwas abgewinnen. Nicht jeder hält sich an diesen Wunsch, ob aus Unwissenheit oder ob sie es für höflich erachten, kann ich nicht einschätzen. Menschen, die ich nicht kenne, schütteln mir die Hand und sprechen bedauernde Floskeln aus. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.
Am liebsten würde ich wegrennen. Stattdessen nicke ich den Kondolierenden kurz zu.
Jeder geht mit Trauer anders um. Die einen reden ununterbrochen über ihren Verlust, die anderen ertränken ihre Gefühle in Alkohol. Ich habe aufgehört, zu reden – und zu existieren. Mir fehlen die Worte, um meine Gefühle und Gedanken auszudrücken, vor allem Fremden gegenüber. Stattdessen verkrieche ich mich in meinen vier Wänden und warte darauf, dass mein Alltag wieder erträglich wird.
Nachdem alle Anwesenden kondoliert haben, fahren mich meine Freundinnen zum Trauerkaffee. Wir haben das Café Almuth ausgesucht. Bens Großeltern waren Stammgäste und die Inhaber kennen ihn, seitdem er ein kleiner Junge war.
Mitten in der Loemühler Innenstadt gelegen, ist es in einem der Fachwerkhäuser, die rund um den Marktplatz stehen, beheimatet. Auf den Fensterbänken des Cafés stehen Blumenkästen mit gelben und lilafarbenen Stiefmütterchen. Das Kopfsteinpflaster entlang des Hauses verleiht dem alten Stadtkern seinen markanten Charakter.
Jeden zweiten Sonntag ging Ben mit Oma und Opa bei Tante Wilma und Onkel Theo ein Pinoccio-Eis essen. Diese Tradition veränderte sich im Laufe der Jahre, als Bens Großeltern alterten, doch der zweiwöchentliche Besuch im Café Almuth blieb.
Die alte Holztür knarrt, als Nina und ich das Café als Erste betreten. Der vertraute Duft nach Kaffee und frisch gebackenem Kuchen steigt mir in die Nase und die dunklen Möbel harmonieren mit dem warmen Gelb der Lampen und schaffen dadurch eine gemütliche Atmosphäre. Die heimelige Stimmung wird durch die altmodische Einrichtung verstärkt. Altertümliche Hängelampen und Kaffeekannen, die auf dem Riegel stehen, runden die Dekoration ab. Die Häkeldeckchen haben entweder Wilma oder eine ihrer Verwandten hergestellt. In ähnlichen Cafés würde ich es womöglich kitschig finden, aber im Café Almuth trägt jedes Stück die Handschrift von ihr und ihrer Familie.
Ich straffe meine Schultern und bleibe am Eingang stehen. Was wird von mir erwartet? Auf der Suche nach Hilfe sehe ich zu Nina und Rosa. Sie scheinen ebenso hilflos zu sein wie ich.
»Toni, du liebe Güte. Lass dich umarmen.« Wilma zieht mich an ihre Brust. Sie und Theo waren nicht auf dem Friedhof, weil sie das Beerdigungscafé vorbereitet haben. Ihre fülligen Arme umschlingen mich, und eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Dutt gelöst hat, kitzelt mir im Nacken. »Es tut mir so leid. Ich wollte es nicht glauben, als ich es erfahren habe.« Der Versuch, mich zu beherrschen, schlägt fehl. Die Tränen rinnen unaufhaltsam meine Wangen herab. Wilma streichelt meinen Rücken, bis ich mich beruhigt habe. Dann schiebt sie mich ein Stück von sich, greift in ihre rosafarbene Schürze und reicht mir ein Stofftaschentuch mit ihrem Monogramm. Dankbar nicke ich ihr zu und schnäuze mir geräuschvoll die Nase.
»Sag nichts.« Sie streicht mir mütterlich über die Wange. »Komm, ich bringe dich zu deinem Tisch.« Sie nimmt mich sanft am Arm und geleitet mich in die linke hintere Ecke. Zweifellos hätte ich den Weg allein gefunden, genieße aber den Rückhalt meiner Freundin. Kraftlos falle ich auf den Stuhl und hoffe, dass die anderen Trauergäste noch einen Moment brauchen, bis sie ankommen, damit ich etwas Kraft tanken kann.
Auf dem Tisch sind Kaffeekannen, Tabletts mit Kuchen und belegten Brötchen. Dezente Tischblumen, in weiß und grün gehalten, stehen inmitten von Bildern von meinem Verlobten. Ich schließe für einen Moment die Augen, will sie nicht sehen.
»Dein Kakao kommt gleich. Mit Sahne nehme ich an?« Ich nicke. Bei Kummer aller Art hilft mir immer eine große Tasse Kakao mit Sahne und einer Portion Wilma-Liebe. Heute wissen wir beide, dass es mir nicht helfen wird, aber ihre Geste zählt. Nina und Rosa sind uns gefolgt und setzen sich mir gegenüber. Ich bin froh, dass sie mich seelisch zu unterstützen und mir bei allem, was organisiert werden muss, helfen. Langsam komme ich innerlich ein wenig zur Ruhe.
Erst jetzt wird mir bewusst, dass die Stimmen der anderen Trauergäste den Gastraum erfüllen. Wie so oft nach Beerdigungen, fällt von den Trauernden der Druck ab. Gelegentlich lacht jemand. Bens Eltern setzen sich neben meine Freundinnen und meine Eltern kommen auf meine Seite des Tisches. Mir wird alles zu viel. Meine Hände sind schweißfeucht. Vergeblich versuche ich, gegen den Druck in meiner Brust zu atmen. Am liebsten würde ich aufstehen und verschwinden.
Wilma verhindert meine Flucht. Sie kommt im richtigen Moment, stellt meinen Kakao vor mir ab und lächelt mitfühlend. Mit flatternden Händen zupfe ich meinen Blazer zurecht. Mache ich alles richtig oder verhält sich eine trauernde Frau anders?
»Was kann ich euch denn bringen?«, spricht sie Nina und Rosa an. Ich habe gar nicht wahrgenommen, dass die beiden sich leise tuschelnd unterhalten haben. »Wir nehmen zwei Cola«, sagt Rosa und sieht Nina fragend an. Wilma nickt, streicht beiden sanft über die Schultern.
Ich starre auf die Sahnehaube meines Kakaos, unfähig ihn anzurühren. Mein Magen ist wie zugeschnürt und mir ist flau. Das Klirren von Gläsern und ein lautes Fluchen lassen mich aufblicken, direkt in die Gesichter von Bens Eltern. Sie sehen erschöpft aus und reden nicht miteinander, als hätte die Trauer ihnen ebenfalls die Worte genommen. Mein Blick gleitet zu meinen Eltern. Mama tupft sich unaufhörlich die Tränen aus dem Gesicht, Papa lächelt mich matt an. Meine große Schwester Tilda und ihr Mann sehen sich schweigend um.
»Liebes, iss doch wenigstens ein Stück Kuchen«, raunt Nina mir besorgt zu und legt mir ein Stück Streuselkuchen auf den Teller.
Ich schüttle den Kopf. Etwas Süßes bekomme ich erst recht nicht herunter.
Rosa beugt sich ein wenig zu mir und flüstert: »Halte durch. Du schaffst das.« Sie sieht mich mit ihren blauen Augen direkt an. »Niemand spricht dich an, wenn du das nicht möchtest. Dafür sorgen wir.«
Nachdem Wilma alle Bestellungen aufgenommen hat, bringt sie mir eine Karte, die ich ungeöffnet auf den Tisch lege.
Mein Blick fällt wieder auf die Fotos, die Ben bei allen wichtigen Ereignissen seines Lebens abbilden. Die Idee kam von Bens Eltern. Ich war dagegen, aber sie haben sich anscheinend über meinen Wunsch hinweggesetzt. Kinderbilder, Bilder aus der Grund- und weiterführenden Schule, Ben beim Basketballspielen, beim Tanzkurs und auf Partys. Am liebsten würde ich sie einsammeln und verstecken oder zumindest umdrehen. Jeder Blick auf seine für die Ewigkeit auf Papier verewigten Augen fühlt sich an wie ein Stich in mein Herz. Nie wieder werde ich ihm durch sein Haar streichen können, nie wieder sein Lachen hören oder seinen innigen Blick auf mir spüren. Ich fühle förmlich seine Hand, die meine nimmt und will diese trügerischen Sekunden für immer festhalten.
Trotz aller Bemühungen kann ich meinen Blick nicht von den Fotos abwenden. Jedes Bild birgt eine Erinnerung, die ich tief in meinem Inneren verschließen und nie wieder hervorholen möchte. Ich habe Angst, dass sie für immer verschwinden, sobald ich sie mit jemandem teile. Am Rande bekomme ich mit, dass der Rest der Gesellschaft die Bilder von Ben als Krokodil zum Karneval, als Dreijähriger mit einer Star-Wars-Badehose oder in seinem auffällig blauen Anzug, auf den er bei seiner Konfirmation bestanden hat, herumgehen lässt. Ich wende meinen Blick ab, hoffe, dass es bald vorbei ist.
Je länger wir sitzen, desto lauter wird es im Raum. Ich bekomme nichts herunter, obwohl mein Magen knurrt. Vor mir stehen der kalt gewordene Kakao und ein Stück Streuselkuchen. Übelkeit beherrscht mich. Ich sehne mich danach, endlich nach Hause zu gehen.
Seit dem Unglück hat Nina mich kaum aus den Augen gelassen. Sie nimmt auch jetzt hin und wieder meine Hand und drückt sie. Ich starre auf den Tisch. In meinem Kopf existiert nur ein Gedanke: »Ich muss hier raus.«
Mir wird klar, dass ich Angst davor habe, allein in unserem Haus zu sein, das voller Erinnerungen an Ben ist. Ich bin nicht bereit, seine Sachen zusammenzupacken und abzugeben. Ob ich es jemals sein werde?

