„Geschichten sind überall. Man muss sie nur erkennen.“
Mika Gustavson
Schon fast mein ganzes Leben lang bin ich Leserin. Wie oft habe ich mir anhören müssen, dass ich ja viel Zeit haben muss, wenn ich so viele Bücher verschlinge. Aber es ist doch so: Jeder bestimmt seine Prioritäten selbst. Wenn Menschen meinen, sie müssten Trash-TV gucken, sollen sie das tun. Für mich ist das nichts. Bevor ich den Fernseher starte, greife ich lieber um Reader oder Papierbuch. Das Paradoxe ist: Ich liebe Serien, würde sie aber niemals allein ansehen. Bei der Wahl zwischen Mattscheibe und selbst gelesener Geschichte gewinnt immer das Buch.
Solange ich denken kann, bin ich mit Geschichten umgeben. Als Kind wurde mir vorgelesen und sobald ich es selbst konnte, habe ich erst Bücher in Schreibschrift, dann in Druckschrift gelesen. Mein erstes Buch, das ich selbst gelesen habe und an das ich mich bewusst erinnere, hieß “Feuerschuh und Windsandale” von Ursula Wölfel. Worum es da ging, weiß ich heute nicht mehr, aber ich meine mich zu erinnern, es öfter gelesen zu haben. Die Liebe zu Geschichten wurde mir vermutlich in die Wiege gelegt, denn auch meine Eltern lesen viel. Mir der Zeit hat es sich in die Richtung entwickelt, dass ich in meiner Jugend und bis zur Erfindung von Social Media nur mit Buch in der Hand existiert habe. Jede freie Sekunde musste mit einer Geschichte aufgefüllt werden. Ob es die Fahrt zur Schule oder Arbeit war oder die Werbepause im TV lief, der Griff zum Buch war normal für mich. Kennst du das Buch “Book Love” von Debbie Tung? Das könnte ich geschrieben haben. Mein Mann fragte mich kürzlich, ob ich in Kapiteln leben würde. Kurz verstand ich die Frage nicht, aber dann fiel es mir ein: „Ich muss noch das Kapitel beenden, bevor ich … “ ist einer der Sätze, die bei uns zu Hause am meisten benutzt werden. Vor der Zeit der E-Books war es nicht immer leicht, das aktuelle Buch mitzunehmen, also habe ich mir Geschichten zu Menschen, Orten oder weiß der Kuckuck was ausgedacht. Leider ist mir dieses „exzessive“ Lesen ein wenig abhanden gekommen, aber ich arbeite dran, wieder ich selbst zu werden.
Kennst du die Frage, ob du nur liest oder auch Hörbücher hörst? Gerade auf Social Media sind manche der Meinung, dass vorgelesene Bücher nicht in die Statistik (wenn man eine führt) einfließen dürfen. Für mich ist das unverständlich, denn alles, was Kopfkino in mir auslöst, ist für mich eine Geschichte, die ich als “gelesen” deklariere. Sie wurde ja gelesen, nur nicht von mir. 😉 Das beste Beispiel ist für mich die Weitseher-Reihe von Robin Hobb. Ich habe die gesamte Reihe, immerhin 10 Teile zu je ungefähr 40 Stunden, als Hörbuch gehört, gelesen vom wunderbaren Matthias Lühn. Ich habe mit Fitz mitgelitten, habe mich mit ihm gefreut und all seine großen und kleinen Probleme gefühlt. Es ist nicht so, dass man bei der Reihe vor Spannung umkommt, aber die Autorin hat es raus, Atmosphäre zu schaffen, Charaktere so tief zu zeichnen, dass ich als Leserin denke, ich würde sie persönlich kennen. Nicht selten habe ich von den Figuren geträumt. Und immer wieder dachte ich: Ich will genau das auch können. Ich möchte Menschen verzaubern können, die sich auf mein Buch einlassen und alles daran lieben. Ich will es schaffen, dass Leser eine Gänsehaut bekommen, wenn sie von meinen Büchern erzählen, so wie es mir geht, wenn ich beispielsweise von der Weitseher-Reihe spreche. Falls ich es je schaffen sollte, ist es ein weiter Weg, das weiß ich selbst. Aber ich habe mal gehört, dass man sich große Ziele setzen soll.
Für diesen Blogbeitrag habe ich darüber nachgedacht, was das Lesen oder eher gesagt, was Geschichten für mich bedeuten. Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es ist für mich so viel mehr als nur Entspannung bei der Lektüre. Kennst du das Gefühl, wenn du ein neues Buch beginnst und die Figuren erst nach und nach kennenlernst? Für mich ist es genauso schön, neue Figuren zu entdecken als auch altbekannte Freunde wiederzutreffen. Vor meiner Bloggerzeit habe ich es geliebt, sehr dicke Bücher (ab 600 Seiten aufwärts) oder Reihen zu lesen. Leider hat das Bloggen in gewisser Weise meine Freude am Lesen gedämpft. Ich musste immer mehr und vor allem schneller lesen, um mehrmals in der Woche im gleichen Rhythmus Rezensionen zu veröffentlichen. Es ging dem entgegen, was ich immer gelebt habe: Geschichten leben, statt sie zu konsumieren. Unter anderem aus diesem Grund habe ich aufgehört, einen Blog zu führen. Mit dem Lesen werde ich wahrscheinlich niemals aufhören. Es gibt für mich wenig Schöneres als eine Geschichte, die so geschrieben ist, dass sie bei mir Kopfkino erzeugt. Das ist so viel besser als auf einen Bildschirm zu sehen und von anderen Menschen visualisierte Gedanken zu beobachten. Findest du nicht auch?
Eins muss ich noch loswerden: Lesen ist keine Flucht vor der Realität. Zumindest nicht nur. Natürlich möchte man nach einem besonders üblen Tag einer guten Geschichte versinken, aber es ist so viel mehr als das. Wo sonst kann man so vielfältige Abenteuer erleben, Menschen kennenlernen und Orte besuchen? Und das wann immer man Lust darauf hat. Man muss nicht verreisen, muss nicht mal den Ort verlassen, an dem man gerade ist.
Letztendlich hat mich meine Liebe zu Geschichten hat dazu gebracht, selbst schreiben zu wollen. Als Kind oder Jugendliche habe ich nichts von dem, was sich in meinem Kopf abgespielt hat, aufgeschrieben. Heute bereue ich es. Ich habe zu wenig Schreibpraxis, weil die Storys nur in meinem Kopf lebendig wurden. Für mich ist es oftmals schwer, sie in Worte zu fassen. Aber ich arbeite daran, jeden Tag besser zu werden und bin dankbar für all die Hilfe die ich von Menschen aus der Buchbubble bekomme.
Als ich kürzlich über das Thema Schreiben nachgedacht habe, habe ich Folgendes festgestellt: Schon als Bloggerin habe ich gemerkt, wie gut es mir tut, meine Gedanken, egal welcher Art, aufzuschreiben. Also habe ich erst Kurzgeschichten geschrieben und schließlich angefangen, einen Roman zu schreiben. Geschichten geben mir Ruhe und Entspannung, ganz egal, ob ich sie selbst schreibe oder sie lese. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen in dieser unruhigen Welt verstehen, welche Macht Worte haben und dass sie sich überwinden können, mit dem Lesen anzufangen.
Erzähl es mir gern deine Meinung zu dem Thema in den Kommentaren.