Wenn ich ehrlich bin, hatte ich nie vor, ein Buch mit dem Grundthema Trauer zu schreiben. Ich wollte immer eine Geschichte verfassen, die die Leser von innen wärmt und nach dem Beenden der letzten Seite mit dem Gefühl, etwas Besonderes gelesen zu haben, zurücklässt. Vielleicht gelingt mir das mit meinem Projekt, vielleicht nicht. Im Laufe der letzten Jahre ist mir klar geworden, dass ich über das Thema Umgang mit Trauer reden muss. Das hat mehrere Gründe.
Zum Einen wachsen wir in einem Umfeld auf, in dem der Tod ein Tabuthema ist. Wenn wir nicht drüber sprechen, wird es uns nicht betreffen. Das ist Quatsch, wissen wir alle, wollen es aber nicht einsehen. Zum Anderen denken viele, Trauer verläuft bei jedem gleich. Vielleicht kennst du die Phasen der Trauer, die man leicht ergoogeln kann. Erst leugnen, dann ärgert man sich und feilscht, anschließend kommt die Depression und zum krönenden Abschluss akzeptiert man den Tod. Spoiler: So einfach ist es nicht. Bei jedem verläuft die Trauer anders und die Phasen sind unterschiedlich lang. Aber es ist leichter, von außen zu urteilen, wenn eine Witwe nach kurzer Zeit einen neuen Mann findet (habe ich im Umfeld so erlebt), statt sich mit ihr zu freuen und sie das machen zu lassen, was ihr gut tut..
Und warum fühlen wir uns oftmals nicht in der Lage, uns mit dem Tod auseinandersetzen? Wie jeder andere Mensch habe ich Angst, meinen Mann, meine Eltern, andere Teile der Familie oder Freunde zu verlieren, aber ich kann nichts anderes tun, als meine Einstellung zu ändern. Ob das in dem Moment, wenn es geschieht, so einfach ist, weiß ich nicht. Was ich aber weiß ist, dass man lernen kann, ohne den geliebten Menschen (oder das Tier) zu leben. Bis heute kann ich nicht gut über meine Oma sprechen, die im Jahr 2011 gestorben ist. Ich vermisse sie jeden Tag und wünschte, dass ich einen einzigen weiteren Tag mit ihr verbringen kann. Ändern kann ich an der Situation nichts, aber meine größte Angst hat sich nicht bestätigt. Ich kann weitermachen wie zuvor und ihre Abwesenheit behindert mich nicht in meinem normalen Leben. Das sieht sicherlich bei eigenen Kindern anders aus, aber das Beispiel von Stefanie Goldbrich zeigt, dass es möglich ist, zum eigenen Leben zurückzukehren. Wenn du magst, hör dir gerne die Podcastfolge an, die ich als Bloggerin mit ihr gemacht habe. Du findest sie am Ende des Beitrags. Stefanie hat mich mit ihrer Einstellung sehr beeindruckt.
Wie bin ich darauf gekommen über dieses Thema zu schreiben? Vor etwa zehn Jahren, es kann auch etwas länger her sein, ist der Sohn einer Arbeitskollegin gestorben. Sie ist lange ausgefallen und ist an seinem Tod fast zerbrochen, denn er war ihr einziges Kind. Heute haben wir keinen Kontakt mehr, aber seit ich an »DKzL« schreibe, frage ich mich immer wieder, wie es ihr jetzt geht. Schon zu Beginn habe ich ihr per Nachricht mitgeteilt, dass ich absolut keine Ahnung habe, wie ich mich verhalten soll und dass sie bitte auf mich zukommen soll, wenn sie etwas benötigt. Das war gut, denn sie hat sich nach einer Weile geöffnet und mir kleine und große Dinge rund um ihren Sohn erzählt. Später sagte sie mir, dass viele nicht mehr mit ihr reden, vermutlich, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Das verstehe ich durchaus, aber für die Betroffenen ist es noch schwerer, wenn Menschen sie plötzlich ignorieren oder nur kurz ab sind. Bedingt kann ich das ja verstehen, aber Trauernde allein zu lassen ist nie die Lösung. Sie brauchen jemanden, dem sie im Zweifel immer wieder die gleichen Szenarien erzählen, sich selbst Vorwürfe machen oder einfach nichts sagen, weil sie es nicht können.
Im Jahr 2023 habe ich in meinem Kopf krampfhaft nach einer Geschichte gesucht, die ich für den Büchereulen-Adventskalender nutzen konnte. In dieser Phase zwischen Schlaf und Wachwerden ist mir meine Protagonistin Toni über den Weg gelaufen, die mich danach nie wieder loslassen sollte. Die Geschichte kannst du hier nachlesen: Adventskalender 2023 Je mehr Menschen ich von meinem zukünftigen Buch erzähle, desto öfter höre ich, dass sie direkt oder im privaten Umfeld schon die Situation hatten, dass andere sich in ihre Trauer eingemischt haben, dass sie meinten, Trauer würde bei jedem gleich verlaufen und xy hätte ja auch nach vier Wochen wieder gearbeitet etc. Das alles hat mich dazu gebracht, dass ich Tonis Geschichte erzählen muss.
Vielleicht wird mein Buch nicht erfolgreich und vielleicht möchten manche Menschen es nicht lesen, weil es das Grundthema hat, das wir alle am liebsten aus unserem Gedächtnis löschen würden. Aber mir ist es wichtig, darüber zu sprechen und zu zeigen, dass man durchaus trauern kann und trotzdem weiterleben kann. Bevor du fragst: Nein, ich habe noch kein Kind verloren und meinem Mann geht es auch gut. Trotz allem fühle ich mich in der Lage, darüber zu schreiben, vor allem weil ich einige Menschen getroffen habe, die mir erzählt haben, wie ihr Umfeld mit ihrer Trauer umgegangen ist. Sie alle haben nicht verstanden, warum andere Menschen glauben, dass sie besser über ihr Gefühlsleben Bescheid wissen als sie selbst.
Vielleicht möchtest du mir erzählen, wie du über das Thema denkst. Ich würde mich sehr freuen, wenn wir uns dazu austauschen würden.

